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Atelier-Porträt Gujan Pally – vor Ort
Die Kulturvermittler

Das Architekturbüro von Marlene Gujan und Conrad Pally ist sowohl in Igis wie auch in Curaglia zu Hause. Das Verbindende ist nicht nur der dazwischen fliessende Rhein, sondern die architektonische Gesinnung und die Arbeitsweise. Ihre Projekte protzen nicht, sie gehen ganz behutsam mit dem Vorhanden um. Der Ansatz ist dabei ein ganzheitlicher; Architektur wird nicht nur als Baudisziplin, sondern als kultureller Beitrag an einen Ort – sei dies an eine Landschaft oder an eine Siedlung – verstanden. Das Atelierporträt wird zur Reise.
Text: Anita Simeon Lutz | Fotos: Lea Hepp

Es ist neun Uhr morgens, als wir in Igis, einem Nachbardorf von Landquart im Bündnerischen Rheintal ankommen. Der Calanda liegt noch im Schatten, aber schon bald erstrahlt der Churer Hausberg in der goldenen Wintersonne. Marlene Gujan empfängt uns im ihrem Atelier, einem Anbau an das kürzlich renovierte Elternhaus ihres Mannes, den sie für sich und ihre Familie flottgemacht hat. Bereits bei diesem Umbau zeigt sich ein Hauptthema der Arbeit des Ateliers Gujan Pally: Der Wohnwert des Altbaus wurde mit wenigen Eingriffen um ein Vielfaches gesteigert und ist nun perfekt auf die vierköpfige Familie zugeschnitten.
Der direkte Anschluss des Ateliers an das Wohnhaus erleichtert die Kombination von Arbeit und Familie. «Es ist jedoch nicht so, dass die Kinder immer wieder ins Atelier platzen. Die zwei Bereiche sind klar getrennt und haben verschiedene Ausseneingänge. In einer Notsituation bin ich jedoch schnell zur Stelle. Gerade am Abend schätze ich aber die Möglichkeit der Ruhe und der Konzentration im Anbau», erzählt die Mutter zweier Kinder. Im Atelier in Igis arbeitet ausser ihr noch Anita Sgier. Auch sie hat Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. «Das Verhältnis zu unseren Angestellten beruht auf Vertrauen und Mitgestaltung und bis jetzt sind wir damit gut gefahren», meint Marlene Gujan.

Start in die Selbstständigkeit
Das Architekturbüro Gujan Pally ist speziell verortet. Um alle Lokalitäten des Ateliers aufzuzeigen, braucht es auf der Homepage sogar eine Schweizkarte. Der zweite Teil des Büros liegt nämlich in Curaglia im Val Medel – dort, wo man von Disentis in Richtung Lukmanierpass fährt. Hier ist vor allem Conrad Pally zu Hause. Wie sich die beiden kennengelernt haben? Marlene Gujan lacht: «Ich arbeitete damals noch bei Peter Zumthor und unterrichtete nebenbei an der ibW in Chur. Conrad war zu derselben Zeit Student an dieser Schule. Im Jahre 1996 wurden die Pläne meiner Schwester und ihres Mannes für sich ein Eigenheim zu bauen konkreter. Und sie wollten es mit mir machen. Da ich aber ausgelastet war, brauchte ich Hilfe und so fragte ich Conrad, ob er nicht Lust hätte, mit mir diesen Auftrag auszuführen. Das war der Start unseres Büros.»
Der Sitz des neu gegründeten Ateliers war Curaglia. Die Kunde, dass sich neu ein Architekturbüro im Tal befand, ging wie ein Lauffeuer durch die Bevölkerung und schon bald war der Auftragsbestand so gross, dass auch Marlene Gujan den Schritt in die Selbstständigkeit wagen durfte. Das ewige Pendeln zwischen Chur und Curaglia war ihr aber schnell verleidet, und so quartierte sie sich für acht Jahre im Pfarrhaus des Bündner Oberländischen Dorfes ein.

Ganzheitlicher Ansatz
Gujan Pally verfolgen mit ihrer Architektur einen ganzheitlichen Ansatz. Dabei spielt die kulturelle Einbettung ihrer Bauten eine wesentliche Rolle. Am besten zeigt sich das vielleicht am Beispiel der Sanierung der Ziegenalp «Puzzetta» oberhalb des Lukmanierpasses. Marlene Gujan und Conrad Pally traten bei diesem Bau nicht nur als Architekten in Aktion. Um das Projekt zu verwirklichen, mussten sie die Dorfbevölkerung davon überzeugen, dass es beim Erhalt dieses Baus nicht nur um die Interessen einiger Ziegenbauern ging, sondern um die kulturelle und landschaftliche Identität der ganzen Umgebung. «Die Ziegen fressen nämlich an eigenen Orten und prägen so das Bild der Vegetation und der Landschaft. Würden diese Alpweiden nicht mehr bewirtschaftet, wäre die Bergwelt oberhalb des Lukmanierpasses eine andere», sind die Architekten überzeugt. Das Lobbying ging aber auch über die Grenzen der Gemeinde Medel hinaus. Marlene Gujan und Conrad Pally kratzten Fördergelder und Unterstützungsbeiträge zusammen, um das Projekt zu realisieren. «Unsere Kontakte reichten vom Heimatschutz über die Landschaftsschützer bis hin zum Prinzen Aga Khan, der Projekte, die in Zusammenhang mit Tieren im Berggebiet entstehen, unterstützt». Das Architektenduo hat während des ganzen Prozesses nicht lockergelassen und schliesslich das Projekt realisiert, das auch in Architektenkreisen Beachtung gefunden hat und sogar für einen der beliebten Hasen aus dem Hause Hochparterre nominiert wurde.

Regional verankert
Fakt ist, dass alle Projekte des Architekturbüros Gujan Pally regional verwurzelt sind und auch bezüglich Analogien, gestalterischen Thematiken, Fragestellungen der Räume etc. auf die Tradition der jeweiligen Orte eingehen. Dabei ist es nicht ganz das Gleiche, ob man nun im Prättigau oder im Bündner Oberland – respektive im Val Medel – auf die vorhandene Bausubstanz eingeht. Und genau der Spürsinn für diese feinen Nuancen, das hartnäckige Fragen und eine dafür passende Lösung zu finden, machen die Arbeiten von Marlene Gujan und Conrad Pally aus.
Das Spannungsfeld ziehen sie bereits mit der Distanz ihrer Tätigkeitsorte auf. Die Reise nach Curaglia führt uns durch verschneite Dörfer, dunkle Galerien, und dass das Büro in Val Medel in einer Wohnung mit getäferten Stuben untergebracht ist und an kalten Tagen sogar der Specksteinofen in Betrieb genommen wird, passt zum Bild. Wir kehren jedenfalls mit vielen Impressionen, sympathischen Begegnungen und mit dem Wissen zurück nach Zürich, dass die virtuelle Aufforderung des Studio Basels, die Randregionen einfach verwildern zu lassen, eine Menge an kulturellen und architektonischen Gütern zunichte machen würde. Wir freuen uns schon jetzt auf die nächste Spurensuche!


«Wir schätzen die Distanz»
Marlene Gujan und Conrad Pally bauen vor allem im ländlichen Gebiet des Bündnerlandes. Warum ihnen das noch nicht verleidet ist und wie sie die Distanz zwischen den zwei Büroräumlichkeiten in Curaglia und in Igis meistern, erzählen sie uns im Interview.

«architektur+technik»: Ihr Büro betreibt Architektur vornehmlich im ländlichen Raum. Wird dies mit der Zeit nicht einengend?
Marlene Gujan (MG): Im Gegenteil. Ich schätze gerade die vielfältigen Herausforderungen, die eben weit über die Disziplingrenzen der Architektur hinausgehen.
Conrad Pally (CP): Wer hätte in der Stadt schon die Möglichkeit gehabt, eine Ziegenalp zu planen? Umgekehrt können wir hier auch Schulhäuser und Wohn- und Bürobauten planen, die Antworten auf ähnliche Fragen geben müssen, wie sie in der Stadt gestellt werden.

Ihr Büro hat zwei Standorte – einen in Curaglia und einen in Igis. Dazwischen liegt gut eine Stunde Fahrtweg – bei Schnee auch mehr. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?
MG: Grundsätzlich ist es schon so, dass jeder ein bisschen die Verantwortung für die Projekte in der Region des Arbeitsortes trägt. Das heisst, dass ich eher die Aufgaben im Prättigau und im Churer Rheintal übernehme und Conrad eher die Projekte im Bündner Oberland. Wir besprechen jedoch alle Projekte gemeinsam und da jeder von uns seine Interessen und Stärken an einem etwas anderen Ort hat, ist dies auch sehr befruchtend.
CP: Mich stört die Distanz überhaupt nicht, im Gegenteil. Ich liebe die Zeit während der Autofahrt. Sie hilft mir nachzudenken und den Kopf zu lüften. Gerade nach einer intensiven Sitzung können sich die Gedanken setzen und durch die Dynamik des Fahrens kann Neues entstehen.

Wenn Sie die Wahl hätten, an welche Aufgaben würden Sie sich gerne heranwagen?
CP: Ich würde gerne einmal eine Maiensäss-Siedlung oder eine Ansammlung von Ställen als zusammenhängende Struktur betrachten. Wir haben jetzt ein Projekt in Sedrun, aber das Konglomerat dieser Bauten ist schon sehr in der dorfbaulichen Struktur verankert. Mich würde es reizen, eine Ökonomiegebäudeansammlung ausserhalb des Dorfes einmal zusammenhängend anzuschauen. Aber dazu müssen natürlich alle Besitzer einverstanden sein – was nicht so einfach ist.
MG: Ein Ort der Besinnung zu gestalten, würde mich schon noch reizen. Vielleicht eine moderne Kapelle, die sich in den Reigen der alten Kapellen entlang der Lukmanierrute einreihen könnte.

Sie bauen oft auch in schwierigem Gelände. Welches sind die Herausforderungen beim Bauen über 2000 Meter über Meer?
MG: Natürlich stehen da an erster Stelle Fragen der Logistik im Zusammenhang mit Materialtransporten. Beim Umbau der SAC-Medelserhütte haben wir zum Beispiel das meiste Material bis zu einer Anhöhe etwa in der Mitte des Weges zwischen Curaglia und der Hütte gebracht. Erst von da weg wurde es mit dem Helikopter transportiert. Das hat uns viel Geld gespart, da man die Flüge auch gemäss zurückgelegtem Höhenmeter bezahlt.
CP: Wir gehen meist vom Vorhandenen aus. Beim Neubau des Kindergartens in Curaglia war klar, dass die Bretter, die wir für die Konstruktion gebrauchten, im dorfeigenen Sägewerk geschnitten werden mussten. Dies ist jedoch nur bis zu einer Länge von sieben Metern möglich. Also mussten wir uns eine Konstruktion ausdenken, die diese Vorgabe miteinbezieht. Wir haben jedoch Glück mit unseren Unternehmern. Die meisten sind Allrounder. Das heisst: Der Parkettleger legt oft auch Platten, der Heizungsinstallateur ist auch für die sanitären Anlagen zuständig und so weiter.
MG: Viele haben auch noch so etwas wie einen Berufsstolz, der schon manchen zu konstruktiven Höhenflügen im Sinne des Mitdenkens verleitet hat.

Ein wichtiger Aspekt Ihrer Arbeit ist auch die Ökologie und die Baubiologie. Wie bringen Sie diese Anliegen ein?
MG: Die Verwendung natürlicher Materialien und innovativer Energietechniken ist uns wichtig. Bei der Ökologie geht es aber um die Gesamtansicht. Das vorher erwähnte Beispiel mit der Schreinerei ist so ein Ansatz. Es wäre ein ökologischer und ökonomischer Blödsinn gewesen, bereits vorgefertigte Brettschichthölzer aus dem Ausland zu importieren. Wir würden auch gern für unsere Fahrten auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen, aber nach Curaglia gibt es nun mal nicht jede Stunde eine Verbindung. Und da die Aufträge sowieso in alle Himmelsrichtungen verstreut sind, wird das Auto unentbehrlich.

Die Fragen stellte Anita Simeon Lutz