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Rationale Ästhetik
In manchen Situationen entscheiden Sekunden über Leben und Tod. Eine optimale Erschliessung und innere Organisation war deshalb bestimmend beim Neubau der kantonalen Sanitätsnotrufzentrale Bern mit Rettungsdienst. Den Zürcher Architekten Müller & Truniger war aber auch die visuelle Erscheinung des Infrastrukturbaus aus Holz wichtig; nicht zuletzt, da die Mitarbeitenden viel Zeit an ihrem Arbeitsort verbringen.

TEXT Christina Horisberger

Wie wichtig dieser Infrastrukturbau für das Wohlergehen der Bevölkerung ist, zeigt nicht allein die sorgfältige bauliche Erscheinung der neuen Rettungsdienste Bern. Da Notrufzentrale und Ambulanz wortwörtlich 24 Stunden unter Hochstrom stehen, liess die Bauherrschaft, das Amt für Grundstücke und Gebäude des Kantons Bern, zur Eröffnung ein eindrückliches Video (http ://vimeo.com/68620066) realisieren. Wortlos und mit dramatischer Musik unterlegt, erhält der Betrachter darin Einblick in die reibungslose und präzise Organisation der Rettungsdienste. Ausbildungssequenzen werden gezeigt, Repetitionen von Einsatzplänen, die hoch konzentrierte Betriebsamkeit der Notrufzentrale und das allzeit verlässliche Ordnungssystem der medizinischen Materialien.

Systemtrennung
Was in diesem Kurzfilm im Vordergrund steht, war auch den Architekten beim Neubau ein Anliegen : Hier arbeiten hoch qualifizierte Angestellte in ständiger Bereitschaft für den Dienst an ihren Mitmenschen. Den Architekten ist es bei der «Sano Bern» gelungen, auf einer dreieckigen Parzelle das Maximum für einen optimalen betrieblichen Ablauf zu erreichen. Das kompakte Volumen steht im Dialog mit den umgebenen Gewerbebauten und ist — last but not least — ein sympathisches Gebäude, mit dem sich die Mitarbeitenden identifizieren können. Realisiert wurde der Neubau mit Systemtrennung. Dieses Konzept ermöglicht, dass das Gebäude ohne grossen baulichen Aufwand umgenutzt, aufgestockt oder erweitert werden kann. Der Kanton Bern sieht darin ein grosses Potenzial für den langfristigen Gebrauchswert seiner öffentlichen Gebäude. Damit soll auch die Forderung nach einer umfassenden Nachhaltigkeit eingelöst werden.

Übersichtlichkeit
Müller & Truniger gewannen 2009 den Wett- bewerb für den Neubau der «Sano Bern» im offenen Verfahren. Dieser kam zustande, da die alten Räumlichkeiten der Sanitätspolizei
mitten in der Stadt aus allen Nähten platzten. Mit einer neu erworbenen Parzelle am Stadtrand sollte das Raumproblem in optimaler Weise gelöst werden. Das Grundstück liegt im schmalen Dreieck zwischen Gleisfeld und Murtenstrasse unweit des Berner Inselspitals. Mit seinem der Grundstücksform angepassten Erdgeschoss nutzt das neue Gebäude die Tiefe der Parzelle aus. Der darüberliegende schmale Baukörper mit derzeit zwei Geschossen kann aufgestockt werden und hat damit das Potenzial, ein «Auftakt» zur umliegenden Industrie- und Gewerbezone zu werden. Die Gebäuderschliessung ist dreiseitig orientiert. Fahrzeugausfahrten beziehungsweise -zufahrten liegen auf der Westseite, Anlieferung und Wartung mit der Lavage auf der Ostseite, der Haupt-Personenzugang liegt nordseitig zur Murtenstrasse. Die klare räumliche Trennung von Einsatz und Anlieferung beziehungsweise Wartung ermöglicht einen reibungslosen Betrieb: Die Ausrichtung von Einstellhalle (1 bis 5) und Tiefgaragenzufahrt (6) zur Stichstrasse garantiert neben einer bestmöglichen Übersichtlichkeit bei der Ausfahrt auch kürzest- mögliche Wege für die Einsatzfahrzeuge. Die tiefe Vorzone erhöht die Übersichtlichkeit zusätzlich und dient als Aufstellfläche.

Reduzierte Erscheinung
Die äussere Erscheinung des kompakten Volumens mit begehbarer Terrasse über Einstellhalle und Tiefgaragenzufahrt ist durch eine feine Bänderung horizontal gegliedert. Die verschieden breiten Fenster im Norden, Osten und Westen rhythmisieren den massigen dreigeschossigen Baukörper. Dem Ort und der Funktion entsprechend wurde eine klare, einfache Architektursprache entwickelt, die so robust ist, dass sie zukünftige Entwicklungen zulässt und somit der Forderung nach Flexibilität optimal entspricht. Der konsequente Ingenieur-Holzbau prägt die einfache, auf das Wesentliche reduzierte Erscheinung des Gebäudes. Sie zeigt sich in der Materialisierung der Fassade aus vorpatinierter Weisstanne und teilweise in den Innenräumen. Hier kamen Brettstapel-Beton- beziehungsweise Holzbalken-Beton-Verbunddecken zur Anwendung. Der Treppen- kern besteht aus Beton. Die Systemtrennung zeigt sich unter anderem in den gut zugänglichen Installationsbereichen und teils sichtbaren Installationen. Der Hohlboden und die Installationsbereiche zwischen den Holzbalken geben den Büros eine tektonische und gut strukturierte Gesamtwirkung. Die gesamte Architektur bringt zum Ausdruck, worum es an diesem Arbeitsort geht: rasches Handeln und Konzentration auf das Wesentliche für einen reibungslosen Ablauf.

Herausforderungen
Mit einer kontrollierten Lüftung und der Dämmung konnte der Minergie-Eco-P-Standard erreicht werden. Die Abdichtung des gesamten Gebäudes stellte vor allem im Bereich der Einstellhalle eine Herausforderung dar. Mit der zuständigen Stelle konnte ein Versatz der Dichtigkeitsebene auf die hintere Schicht ausgearbeitet werden. Da der Holzbau für eine Aufstockung auf sechs Etagen und damit als Hochhaus angelegt ist, wurde die Holzkonstruktion entsprechend gross dimensioniert, und die für Hochhäuser notwendigen Sprinkleranlagen wurden bereits vorgängig eingebaut.

Müller & Truniger Architekten
Das Architekturbüro wurde 1994 von Andreas E. Müller und Daniel Truniger gegründet. Die Architekten setzen sich gerne mit verschiedensten Bauaufgaben auseinander; entsprechend vielseitig ist ihr Tätigkeitsfeld. Ein grosses Anliegen des Architekturbüros ist es, einen angemessenen baulichen Ausdruck massgeschneidert für die Bedürfnisse des Nutzers zu finden. Sie schätzen das interdisziplinäre Teamwork mit — je nach Aufgabe — verschiedenen Spezialisten. www.muellertruniger.ch