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Ökumenische Kapelle St. Henry, FI-Turku
Zur Andacht
Ichthys - der Fisch - ist der Name des Andachtsraums zwischen den Bäumen auf der Halbinsel Hirvensalo, einem Ort etwas ausserhalb von Turku, schwedisch Åbo, der ehemaligen Hauptstadt der bis 1809 schwedischen Provinz Finnland. Bauherr ist der Verein Kapelle St. Henry. Der Andachtsraum des Architektenpaars Pirjo und Matti Sanaksenaho wird wohl als einer der architektonisch bedeutendsten Sakralbauten Finnlands in die Geschichte eingehen.
Text: Christoph Affentranger, Fotos: Jussi Tiainen

Die Kapelle steht leicht erhöht auf einer Felskuppe, am Rande einer kleinen Siedlung. Der Weg hinauf zum Westeingang führt über eine Rampe entlang des Gebäudes, einer Landschaftsskulptur am Waldesrand. Die gewaltigen, gegeneinander geneigten Flanken des Hauses treffen sich im Giebel, wie die Flanken eines Fisches bei dessen Rückgrat. Die Schuppen aus Kupfer, um beim Bild zu bleiben, werden bald ihre braune Farbe verlieren, zuerst schwarz werden und schliesslich, für das nordische Klima typisch, relativ schnell eine grüne Patina ansetzen. Es riecht nach Pinien, draussen ebenso wie drinnen. Das Licht dringt nur ganz vorne über seitliche, über die gesamte Höhe laufende, farbige Fenster in den schmalen und hohen Raum ein. Die Farbakzente hat die Glaskünstlerin Hannu Konola gesetzt. Bis zu 13 Meter ragen die Rippen der Spitzbogen in die Höhe und bilden einen vertikal rhythmisierten Raum, der entfernt an gotische Kirchenräume erinnert. Zwei schlichte Einbauten links und rechts von der Achse der vollkommen symmetrisch aufgebauten, etwa 40 Meter langen Kapelle nehmen die Nebenräume auf und trennen den Vorraum vom Hauptraum. Böden und Wände sind aus Kiefernholz, ebenso die Leimholzträger. Die Möbel bestehen aus Roterle. Dezent geformte Handläufe und Spots in Kupfer ergänzen den spartanischen Innenausbau.

Für alle Konfessionen
Die konfessionslose «Kapelle» dient in erster Linie als Ort der Besinnung für Angehörige und Patienten eines direkt angrenzenden Spitals für schwer Krebskranke, das auch das Land gestiftet hat. Innert kürzester Zeit hat sich Ichthys aber auch als Versammlungs-, Ausstellungs- und Konzertraum etabliert, dank einer ausgezeichneten Akustik und einfachen, mobilen Sitzbänken, die auch eine Sitzordnung in «umgekehrter» Raumrichtung erlauben oder - ebenso wie Altar und Kreuz - entsprechend der Idee eines konfessionslosen Andachtsraums, einfach entfernt werden können. Über 90000 Besucher zählte die kleine Kapelle im ersten Jahr und avancierte nach der Domkirche und der Burg, beide aus dem Mittelalter, auf Anhieb zur am dritthäufigsten besuchten Destination in Turku.
Zehn lange Jahre lagen zwischen dem ersten Modell, geschnitzt aus einem Stück Holz während den Sommerferien in Lappland, und der Eröffnung. Die Weihung des ökumenischen Andachtsraums wurde, für finnische Verhältnisse eher ungewöhnlich, in voller Länge vom Fernsehen übertragen. Das Projekt ging aus einem Wettbewerb auf Einladung hervor, der vom Architektenpaar Pirjo und Matti Sanaksenaho gewonnen wurde. Die Finanzierung war lange in der Schwebe, derweilen das Projekt in sämtlichen bedeutenden Architekturzeitschriften rund um den Globus publiziert und in zahlreichen internationalen Ausstellungen, darunter die Architekturbiennale in Venedig, zu sehen war. Erst eine Anschubfinanzierung der Finnischen Waldstiftung, nach erfolgter Redimensionierung des Projektes, brachte die Wende. Aus Kostengründen konnten bis heute die ursprünglich vom inzwischen verstorbenen finnischen Künstler Kain Tapper entworfenen Möbel und insbesondere der Altar nicht realisiert werden.

Sakralbau-Tradition
Finnland verfügt über eine aussergewöhnlich hohe Anzahl architektonischer Meisterwerke des modernen Sakralbaus. Zu den die europäische Entwicklung im Sakralbau mitprägenden Werken zählt vor allem Erik Bryggmans Auferstehungskapelle in Turku von 1941 mit ihrem gegen den Waldfriedhof hin offen verglasten Seitenschiff, Timo und Tuomo Suomalainens aus einer Felskuppe heraus gesprengten und mit einem Kupferdach überdeckten Tempeliaukio Kirche im Zentrum von Helsinki aus dem Jahr 1966, gleich mehrere Werke Juha Leiviskäs, darunter die Kirche in Myyrmäki, Vantaa, von 1984 und insbesondere Kaija und Heikki Sirens 1957 eingeweihte Kapelle in Otaniemi, dem Campus der technischen Hochschule Helsinkis, zu dem Alvar Aalto den Masterplan und zahlreiche Bauten beigesteuert hat.
Die Kapelle in Turku reiht sich ein in eine kurze, aber aussergewöhnliche Serie von Projekten des Ehepaars Pirjo und Matti Sanaksenaho (beide Jahrgang 1966). Dazu zählen ihr Eigenheim, das Projekt «Des Bildhauers Haus», aussergewöhnliche Wettbewerbsbeiträge, etwa für ein neues Musikhaus in Helsinki, sowie, aktuell, eine grosse Villa als Teil einer Nobelüberbauung an einem See in China. Matti Sanaksenaho war Teil der Gruppe Monark, die mit dem finnischen Pavillon an der Weltausstellung in Sevilla 1992 für Aufsehen sorgte. Der Pavillon steht übrigens, obwohl nur als temporärer Bau geplant, als einer der wenigen Bauten der Ausstellung immer noch, wird von einer spanischen Architektenvereinigung genutzt und soll demnächst teilweise saniert werden. Matti Sanaksenaho war Gastprofessor an der Architekturhochschule in Aarhus, Dänemark, und ist ein gefragter Gastreferent.