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Atelier-Porträt Miller & Maranta – vor Ort
Ruhmreiche Lehrstube

Quintus Miller und Paola Maranta gehören zu denjenigen Architekten, die Schweizer Baukultur wie aus dem Lehrbuch verkörpern: Zuvorderst steht der Respekt vor dem Ort, dem Kontext. Beispiele dafür gibt es in der ganzen Schweiz, im bündnerischen Samedan genauso wie am Westrand von Zürich, in Altstetten. Beim Besuch im Basler Büro berichten die beiden Gründer und ihre neuen Büropartner Bettina Haberbeck und Jean-Luc von Aarburg, wie solche Architektur entsteht und welche Diskussionen es dafür braucht.
Text: Barbara Hallmann | Fotos: Tanya Hasler

Von aussen könnte das Büro von Miller & Maranta unscheinbarer kaum sein: drei Etagen im Hinterhof eines Wohnhauses an der Basler Schützenmattstrasse. Es ist kaum zu erkennen, dass hier überhaupt ein Büro seinen Sitz hat; von einem Architekturbüro gar nicht zu sprechen. Zum vereinbarten Termin sind die vier Partner Quintus Miller, Paola Maranta, Jean-Luc von Aarburg und Bettina Haberbeck noch in einer Besprechung mit allen ihren Mitarbeitenden im grossen Sitzungsraum im Erdgeschoss. Als sich dessen Tür endlich öffnet und die Mitarbeiter aus dem Raum eilen, die Treppe hoch in den ersten Stock, meint der Besucher fast, dem Ende eines Uni-Seminars beizuwohnen –so jung ist das etwa 30-köpfige Team.
Viele der Angestellten machen in der Uni zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Büro Miller & Maranta – sei es nun über eines ihrer Projekte oder über die Bürogründer selbst, die seit mehreren Jahren auch unterrichten. An der ETH begann auch die Geschichte des Büros, denn Miller und Maranta lernten sich dort in den Kursen von Fabio Reinhart und Miroslav Sik kennen. «Die Entwurfsgruppen dort waren wirklich eine Gemeinschaft, man hat sehr viel gearbeitet und man lernte sich dort extrem gut kennen», erinnert sich Paola Maranta ein wenig nostalgisch.

Karriere auf Umwegen
Der Weg der beiden zum ETH-Studium in Zürich gleicht sich allerdings kaum. Quintus Miller wuchs in und mit einem beeindruckenden Beispiel alpenländischer Architektur der Jahrhundertwende auf; seinen Eltern gehörte das Hotel Schatzalp in Davos. Und der Architekt gibt zu: «Das war eine ganz starke Prägung, es war ein fantastischer Ort. Dort hat mich Architektur zum ersten Mal so richtig beeindruckt.» Dass sein Götti Architekt war, förderte das Interesse des Buben für das Fach zusätzlich. Trotzdem machte er sich die Wahl des Berufs nicht leicht und schwankte zwischen Medizin und Architektur: «Ich habe immer gerne mit meinen Händen gearbeitet. Zwischen dem Operieren und dem Modellbauen habe ich mich schlussendlich für Letzteres entschieden.»
Bis Paola Maranta auf dem Zürcher Hönggerberg ankam, nahm sie viele Umwege: Zuerst begann sie ein Sprachstudium, merkte aber bereits im ersten Jahr, dass sie damit nicht glücklich werden würde. Der Wunsch nach einem ETH-Studium mit mehr Struktur brachte sie dazu, ein Praktikum bei der Zürcher Architektin Beate Schnitter zu machen, der Nichte der ersten ETH-Architektur-Absolventin Lux Guyer. «Sie war einer der Menschen, die mir ihre Passion weitergegeben haben», sagt Paola Maranta heute. Nach dem Studium allerdings sah sie nach dem ersten Projekt mit Quintus Miller keine Zukunft für sich in der Architektur und wechselte komplett das Berufsfeld: Einem MBA in Lausanne folgten vier Jahre bei McKinsey. Rückblickend hat ihr und dem Architekturbüro diese Zeit viel gebracht, gerade in Bezug darauf, wie man eine Aufgabe, ein Problem sorgfältig analysiert. Mittlerweile ist das alles lange her und Paola Maranta und Quintus Miller haben die operative Basis ihres Büros vor einigen Jahren erweitert, neu sind Bettina Haberbeck und Jean-Luc von Aarburg mit an Bord.
Bleibt die Frage, welches Credo die Gründer an ihre Partner, Mitarbeiter und die nächsten Architekten-Generationen weitergeben wollen; welches das Geheimnis ihrer Bauten ist. «Uns interessierte schon immer, für einen Ort, für eine bestimmte Aufgabe, für einen Auftraggeber oder eine Auftraggeberin ein angemessenes Projekt zu machen.» Diese Formulierung wiederholt Quintus Miller im Laufe des Gesprächs mehrfach und er spricht sie so gut portioniert und betont aus, dass der Zuhörer merkt: Er nutzt sie auch sonst öfter. Das Konzept von Miller & Maranta lässt sich mit diesen Worten einfach perfekt beschreiben.

Diskussionen um die Haptik
Damit ein Projekt wirklich allen diesen Faktoren gewachsen ist, muss das Konzept im Büro vielen Diskussionen standhalten. Dabei verändert es sich immer wieder. «Es müssen alle überzeugt sein. Deswegen führen wir so viele Streitgespräche, damit am Ende alle wissen, wieso wir das so machen», beschreibt Paola Maranta. «Wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter – ganz gleich ob nun Architekt oder Praktikant – in der Diskussion sagt, aus diesem oder jenem Grund findet er das nicht gut, dann denken wir darüber nach.» Diese Diskussionen drehen sich oft – das ist am Lager im Erdgeschoss zu erkennen – um die Materialisierung. «Das Haptische interessiert uns sehr. Aber man kann dieses Interesse nicht auf die Materialien beschränken», resümiert Paola Maranta. Und so lässt sich alles an Miller&Maranta zusammenfassen, vom Bürogebäude selbst bis zu den seinen Bauten: Man gliedert sich ein, man fällt nicht auf. Aber das tut man auf elegante, äusserst wohlüberlegte Weise.


«Architektur machen ist wie Wein trinken ...»
Quintus Miller und Paola Maranta wenden sich ganz bewusst der akademischen Welt zu und weg vom Kommerz, wie sie sagen. Ein Gespräch mit den Bürogründern über analoge Architektur, den nötigen Respekt für die Umgebung und über erfüllte Träume.


«architektur+technik»: Ihren Ansatz führen viele Kritiker auf die analoge Tradition Ihrer Lehrer, den Kreis um Fabio Reinhart, zurück. Wie stehen Sie dazu?
Quintus Miller (QM): Man spürt auch heute in unserer Architektur stark deren Grundhaltung, sich intensiv mit der Architekturgeschichte auseinanderzusetzen. Wir können uns dem nicht entziehen, aber man muss die Dinge ins richtige Verhältnis setzen: Wir haben vier Semester bei Reinhart, Sik und Ortelli studiert und wir stehen zu dieser Initiation. Inzwischen haben wir aber 20 Jahre Berufspraxis durchlebt und die Dinge haben sich weiterentwickelt.

Wie würden Sie Ihre entwerferischen Prinzipien heute beschreiben?
QM: Wir folgen keinen Moden oder kurzfristigen Marketingströmungen. Das hätte nicht den kulturellen Gehalt, den wir unserer Architektur mitgeben wollen. Wir glauben, damit Architektur mittel- und langfristig innerhalb eines Kulturschaffens eine Bedeutung erreicht, muss sie sich tiefer und breiter in die Kultur eingraben. Wir bringen dem Vorhandenen Respekt entgegen und analysieren, was es bedeutet.
Paola Maranta (PM): Wir diskutieren sehr viel über Architektur, dabei muss unser Gegenüber kein Architekt sein. Es geht oft darum, im richtigen Moment die richtigen Fragen zu stellen. Es geht auch darum, Verunsicherung zu stiften, um etwas neu denken zu können.
QM: Mit Verunsicherung, dem Verfremden eines Raumes, kann man die Aufmerksamkeit verstärken. Ein Oszillieren zwischen dem Vertrauten und dem Fremden bringt die Wahrnehmung wieder ins Bewusstsein. Wir wollen unserem Betrachter etwas vorsetzen, das er wiedererkennt, aber gleichzeitig ist es auch verfremdet, damit er seine Aufmerksamkeit auf das Maximum steigert. Denn er will dahinterkommen, was ihn daran beunruhigt und was sein Interesse bindet.

Woran erkennt man einen Bau von Miller & Maranta?
QM: Man erkennt ihn eben nicht. Wenn Sie daran vorbeilaufen und es nicht gemerkt haben, dann ist das für uns eigentlich das beste Kompliment. Denn das heisst, dass sich der Bau in maximaler Form in einen Ort einbindet und eine Aussage zu einem Kontext trifft. Es gibt bei uns keine formale Handschrift.

Welchen Einfluss hat die Lehre auf Ihre Arbeit im Büro?
QM: Nach 20 Jahren Selbstständigkeit wollte ich noch etwas anderes machen: Ich wusste, wenn ich das noch einmal 20 Jahre tue, fehlt mir der inhaltliche Input. Wenn man jungen Leuten etwas beibringt und ihnen etwas mitgibt, dann kommt sehr viel zurück. Man muss sich beim Unterrichten sehr genau überlegen, worauf es ankommt. Das führt zu einer gedanklichen Klärung, die ich im Büro wieder einbringen kann. Ausserdem verbreitere ich mein Experimentierfeld stark und potenziere meine Urteilsfähigkeit, wenn ich pro Woche zwischen 30 und 40 Projekte von Studenten und Diplomanden anschaue.

Ähnelt Ihre Situation heute den Träumen, die Sie als junge Architekten hatten?
PM: Wir waren passioniert und wollten etwas bewegen, wussten aber nicht genau, wohin das auf lange Sicht führen soll. Wir wollten einfach Wettbewerbe gewinnen, wir wollten gute Lösungen finden. Wir haben dann auch welche gewonnen und angefangen zu bauen. Aber wir haben uns nie gesagt, dass wir einmal gern ein Büro mit 40 Mitarbeitern hätten.
QM: Es war bewegend, zum ersten Mal auf eine Baustelle zu gehen und das erste Mal einen Bau zu übergeben. Die Räume zu riechen, zu hören und zu betasten. Und es fasziniert mich noch heute.
PM: Und auch sagen zu können: Das haben wir gemacht. Das ist bei dem Beruf etwas Wunderschönes. Manchmal hat man sehr gute Gefühle dabei, manchmal vielleicht nicht ganz so.
QM: Architektur machen ist wie ein Glas Wein trinken: Manchmal gibt 's auch Kopfschmerzen.

Wer dürfte heute anrufen und Ihnen einen Bauauftrag erteilen?
PM: Ich selbst. (lacht) Mein erstes Projekt im Praktikum vor der ETH war, für mich selbst ein Haus zu zeichnen. Das war ganz gläsern und stand in einem Park im Grünen. Ich habe es bis heute noch nicht.
QM: Ich freue mich auf Projekte von interessanten Bauherrschaften. Ich setze mich gerne mit spannenden Menschen auseinander, mit denen man über Architektur diskutieren kann. Das motiviert mich extrem. Dann ist es auch egal, wie genau die Aufgabe aussieht.
PM: Wir haben oft solche Bauherrschaften, die uns wirklich als Fachpersonen ernst nehmen und mit denen man nicht taktieren muss, nur weil irgendwo das Geld nicht reicht. Bei denen man mit offenen Karten spielen kann.
QM: Ich will mir am Abend im Spiegel in die Augen sehen können. Wenn ich das nicht mehr kann, dann lass ich ein Projekt lieber sein. In Andermatt haben wir das so gemacht, um stattdessen Zeit für andere faszinierende Orte, Aufgaben oder Auftraggeber zu haben.

Die Fragen stellte Barbara Hallmann.