Wiedererweckt
Für seine neue Produktionsstätte hat Balenciaga ein historisches Industriegebäude wiederbelebt und neu interpretiert. Damit entdeckt die Gemeinde Cerreto Guidi nahe Florenz dessen architektonische Werte wieder.

«The Plant» ist Balenciagas neues Produktionszentrum im italienischen Cerreto Guidi. Es fügt sich zurückhaltend und dennoch klar erkennbar in die hügelige Landschaft der Toskana ein. Metrooffice Architetti gestaltete dafür einen stillgelegten Industriekomplex um, modernisierte das Nutzungskonzept und stellte die Kontinuität des Produktionsbetriebs wieder her. In den 1960er-Jahren war das Gebäude noch als Lederfabrik in Betrieb. Die Reaktivierung ist das Ergebnis einer radikalen und systematischen Neudefinition der industriellen Identität, der Nutzungsbedingungen der bestehenden Räume sowie ihrer Beziehung zur Umgebung und zur handwerklichen Tradition.
Der neue Komplex gliedert sich in drei Baukörper mit sich ergänzenden Funktionen: das Schulungszentrum, die Brücke und das Hauptwerk.
Das Schulungszentrum war das erste Gebäude, das in Betrieb genommen wurde; es dient Schulungszwecken und der Verlagerung von Produktionslinien nach Italien. Die Brücke, ein hängendes Verbindungselement, beherbergt die Kantine und die gemeinsamen Dienstleistungsbereiche. Das Hauptwerk ist das Herzstück des gesamten Komplexes, das sich über mehrere Ebenen erstreckt und dabei in einer starken horizontalen Beziehung zur Landschaft steht.

Ansatz der Substraktion
Im Mittelpunkt des Umbaus steht das Hauptwerk, das die gewählten Gestaltungsprinzipien am deutlichsten veranschaulicht. Die ursprüngliche Struktur – gekennzeichnet durch eine Mischkonstruktion aus Stahlbeton und Stahl – wies eine Abfolge von V-förmigen Stützen an der Ost- und Westfassade sowie ein Dach auf, das durch grosse Stahlträger gegliedert war. Metrooffice Architetti entschied sich für einen Ansatz der Subtraktion: Das Entfernen von Füllelementen, die Neugestaltung der Innenräume und die Hervorhebung der strukturellen und gestalterischen Rolle der erhaltenen Bauteile. Die bestehende Stahlbetonkonstruktion, die restauriert und sichtbar belassen wurde, wird so zum generativen Prinzip der neuen Architektur, während die Abfolge der Deckenplatten mit ihren markanten und dennoch leicht wirkenden Profilen die Fassaden durch einen starken horizontalen Rhythmus gliedert. Die sanft geneigte Horizontalität des Daches schafft ein ausgewogenes Verhältnis zur umgebenden Agrarlandschaft. Anstatt sich als dominierender Baukörper zu behaupten, erscheint das Dach als schwebendes, leichtes System, das sich über Reihen von Olivenbäumen und Weinbergen erstreckt, ohne die hügelige Landschaft zu stören. Teil der Gebäudetechnik sind unter anderem eine Photovoltaikanlage sowie ein System für die natürliche Belichtung und Belüftung.

In den Innenräumen des Hauptwerks koexistieren grosse Produktionsbereiche, Büros und Schulungsräume in einem stimmigen Ganzen, das durch essentielle Materialien und einen sorgfältig abgestimmten Einsatz von Tageslicht geprägt ist.

«The Plant» positioniert sich in der zeitgenössischen Architekturlandschaft als vorbildliches Beispiel einer Umnutzung. Das Projekt greift die materielle und soziale Geschichte als ein Gestaltungselement auf und übersetzt es in eine zeitgenössische Architektursprache. ●


