Ein Vorbild an Nachhaltigkeit

Das Verwaltungsgebäude Guisanplatz 1b in Bern hat im Sommer 2019 die erste Zertifizierung nach SNBS 2.0 Hochbau in Platin erhalten. Der Neubau genügt damit den höchsten Ansprüchen des nachhaltigen Bauens und setzt so schweizweit neue Massstäbe.

Guisanplatz
Am Berner Guisanplatz entstand von 2013 bis 2019 ein modernes Verwaltungszentrum, dessen Beton rund zur Hälfte aus Rezyklat besteht.
Guisanplatz in Bern
Joe Luthiger, Geschäftsführer NNBS und BBL (Text), Rolf Siegenthaler (Bilder)
Das Verwaltungsgebäude Guisanplatz 1b in Bern hat im Sommer 2019 die erste Zertifizierung nach SNBS 2.0 Hochbau in Platin erhalten. Der Neubau genügt damit den höchsten Ansprüchen des nachhaltigen Bauens und setzt so schweizweit neue Massstäbe.

Auf dem Gelände des ehemaligen eidgenössischen Zeughauses am Berner Guisanplatz entstand von 2013 bis 2019 ein modernes Verwaltungszentrum, das in der ersten Bauetappe aus drei Gebäuden besteht. Eines davon, die Nummer 1b mit dem Arbeitstitel «Laupen», steht als reiner Neubau exemplarisch für das ganze Areal und ist ein Vorzeigeprojekt für nachhaltiges Bauen. Es wurde gemäss dem Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) geplant, realisiert und nun auch zertifiziert. Mit der erstmals vergebenen Platinauszeichnung wird die vorbildliche Umsetzung der zahlreichen Nachhaltigkeitsaspekte honoriert. Zudem ist der Neubau energetisch so konzipiert, dass er die Anforderungen an Minergie-P-Eco erfüllt.

Wichtige Materialwahl

Der Auftraggeber, das Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL), definierte Nachhaltigkeit bereits in der Ausschreibung als relevantes Kriterium. Bei der Planung und der Umsetzung wurden diese Vorgaben weiterentwickelt. Gemäss Marcel Scherrer, dem zuständigen Projektleiter des Generalplaners Aebi & Vincent Architekten, legten die Verantwortlichen unter anderem ein besonderes Augenmerk auf die Materialwahl. «Beim Bau wurden möglichst rezyklierte oder gut wiederverwertbare Materialien verwendet. So stammt rund die Hälfte des verwendeten Betons aus Rezyklat.» Dessen Verfügbarkeit musste aufgrund des grossen Bedarfs aber erst abgeklärt werden, zudem er aus statischen Gründen nicht überall einsetzbar war. In Bezug auf die Optik waren die Planer sogar positiv überrascht. «Anfänglich hatten wir die Befürchtung, dass sich Recyclingbeton weniger für Sichtbeton eignet», meint Scherrer rückblickend. «Doch durch die feineren Betonbestandteile ergab sich eine sehr homogene Oberfläche.»

Lebenszyklus umfassend berücksichtigt

Der Innenausbau wird weitgehend von den natürlichen Oberflächen der Rohbaumaterialien definiert, was sich positiv auf die graue Energie auswirkt. «Diese wird vor allem dort eingespart, wo ganz auf unnötige Materialien verzichtet werden kann», resümiert Scherrer. Gipser- und Malerarbeiten wurden nur an wenigen Stellen eingesetzt, Verkleidungen weggelassen.

Darüber hinaus berücksichtigten die Planer im gesamten Prozess die Lebenszykluskosten. Ein wichtiges Kriterium war die Systemtrennung. Sie sorgt für eine gute Zugänglichkeit und die Trennung von Bauteilen an ihrem Lebensende, damit Instandhaltung und -setzung möglichst einfach bleiben. Zudem achteten die Verantwortlichen darauf, langlebige Materialien wie Holz, Glas und Recyclingbeton zu verwenden. Ein neues Bürokonzept des Bundes reduzierte die Lebenszykluskosten zusätzlich, weil weniger Trennwände mit Glasflächen einzubauen waren. Das Gebäude bietet den Mitarbeitenden des BBL zeitgemässe Arbeitsplätze auf rund 19 000 Quadratmetern.

Das Atrium mit gläsernem Dach lässt ein hohes Mass an Tageslicht in das Gebäude eindringen. Aufgrund der grossen Glasfläche musste der sommerliche Wärmeschutz gewährleistet werden. Statt einer äusseren Beschattung nutzten die Planer ein spezielles Sonnenschutzglas, das viel Tageslicht hereinlässt und gleichzeitig einen möglichst tiefen Energiedurchlassgrad aufweist.

Erdsonden und Energiepfähle

Für den Betrieb der drei Gebäude am Guisanplatz stellen verschiedene erneuerbare Quellen die Energieversorgung sicher. Die zentrale Wärmepumpenanlage mit Erdsonden und Energiepfählen übernimmt dabei eine Doppelfunktion. Die 83 Erdsonden und 500 Energiepfähle liefern rund 900 Kilowatt und dienen im Winter zur Beheizung der Gebäude. Dasselbe System unterstützt zudem im Sommer mit einer Kälteleistung von etwa 470 Kilowatt die Kühlung der Büros. Zusammen mit den Erdsonden bilden die Energiepfähle, auf denen das Gebäude errichtet wurde, ein Netzwerk. «Die Pfähle sind einerseits für die Statik des Baus verantwortlich, werden andererseits aber durch den guten Wärmeübergang auch als Erdwärmetauscher eingesetzt», erläutert Projektleiter Scherrer. Die Kombination baustatischer Elemente mit Wärme- und Kältegewinnung bildet also eine nachhaltige Art der Energiegewinnung. Die Energiepfähle werden vorwiegend für die Klimakälte eingesetzt und erreichen dabei eine Kälteleistung von bis zu 300 Kilowatt.

Restbedarf an externer Energie

Die interne Abwärme zur Beheizung der Räumlichkeiten dient der Energieeffizienz des Gesamtareals. Gewonnen wird sie unter anderem von Anlagen der Gebäudetechnik, aus den Trafo- und Systemräumen der Notstromanlage sowie dem Abwasser der Küche. Die verschiedenen Anlagesysteme sind so vernetzt, dass Wärmequellen und Wärmesenken gegenseitig intelligent ausgenutzt werden können. Geheizt und gekühlt wird im Gebäude über wasserbasierte hybride Deckenelemente, die zudem die Betondecke als Speichermasse aktivieren. Stromsparmassnahmen wurden, wo immer möglich, umgesetzt: So richtet sich beispielsweise die Steuerung der LED-Beleuchtung nach dem vorhandenen Tageslicht und der Anwesenheit der Nutzenden. In der Gesamtenergiebilanz resultiert dennoch ein Restbedarf an extern produziertem Strom, vor allem für die Beleuchtung und die Büroinstallationen. Dieser wird mit Elektrizität aus Wasserkraftwerken gedeckt.

Bedürfnisorientiert, flexibel, variabel

Räumliche Nutzungsflexibilität und -variabilität waren zentrale Faktoren bei der Planung des neuen Verwaltungszentrums. Wichtige Einrichtungen wie die Cafeteria, die Snack-Bar oder die Aufenthaltsräume können von allen Behörden genutzt werden, die auf dem Areal tätig sind. «Auch innerhalb der Nutzungseinheiten sind die Räume flexibel», ergänzt Georg Schulte von CSD Ingenieure. Das Ingenieurbüro ist auf Nachhaltigkeit spezialisiert und hat beim Guisanplatz-Projekt die Planung und die Umsetzung der entsprechenden Aspekte begleitet und geprüft. Das Multispace-Konzept bietet gemäss Schulte maximale Flexibilität und Variabilität: «Von Einzelbüros bis zu Open-Space-Büros ist alles vorhanden. So ist jeder Mitarbeitende in einem Umfeld tätig, das zu seinen Bedürfnissen und zu seinen Aufgaben passt.»

nnbs.ch

Bautafel

Bauherrschaft Eidgenössisches Finanzdepartement (EFD), Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL), Bern

Architekt/Generalplaner Aebi & Vincent Architekten SIA AG, Bern

Baumanagement Aebi & Vincent Architekten SIA AG, Bern, mit Kostenplaner 2ap Abplanalp Affolter Partner, Bern

Gebäudetechnik Aebi & Vincent Haustechnik, Bern

Elektroingenieur (ARGE) CSP Meier AG, Bern; Eproplan AG, Gümligen

Bauphysik Grolimund + Partner AG, Bern

Fachplaner Nachhaltigkeit CSD Ingenieure AG, Liebefeld

Daten und Fakten

Objekt

Name Verwaltungsgebäude Guisanplatz 1b

Ort Bern

Höhe ü. M. 542 m

Gebäude

Realisierung (Zeitraum) 2013 – 2019

Anzahl Büros Multispace-Büro

Energiebezugsfläche 20 588 m²

Gebäudehüllzahl 0,85

U-Werte

Fenster 0,68 W/m²K (Fassade); 0,50 W/m²K (Glas)

Boden gegen unbeheizt 0,19 W/m²K

Wand gegen aussen 0,14 W/m²K

Dach gegen aussen 0,14 W/m²K

Energieversorgung

Wärmeversorgung Erdpfähle und Erdsonden zur Wärmegewinnung, Wärmepumpe, Fern- und Nahwärmenetz, Gas, Pellet usw.

Sonnenkollektoren keine

PV-Anlage PV-Anlage auf dem Dach

Leistung: 104 kW; Fläche: 560 m²; Netzeinspeisung: 114 483 kWh; Spez. Jahresertrag: 1099 kWh/kWp/a; CO₂-Einsparung: 68 690 kg

Lüftung Ja, mit Wärmerückgewinnung

Energiekennzahlen

Heizung, Kühlung, Lüftung, BWW 10,0 kWh/m² a

Wärmebedarf Warmwasser 6,9 kWh/m² a

Gewichtete Energiekennzahl 24,9 kWh/m² a (Minergie-P-gewichtet)

Zertifizierung

SNBS Hochbau 2.0, Platin; Minergie-P-Eco; Gutes Innenraumklima (GI)

Weiteres

Energiepfähle/Energiesonden Fundationspfähle, die gleichzeitig als Energieabsorber im Untergrund wirken.

Free Cooling

Wärmerückgewinnung

Regenwassernutzung für Spülung der Toiletten und Benetzung der Rückkühlung

Feka-Anlage (Abwasser-Energienutzung) zur Energiegewinnung für Brauchwarmwasser

Guisanplatz
Der Innenausbau wird weitgehend von den natürlichen Oberflächen der Rohbaumaterialien definiert.
Guisanplatz
83 Erdsonden sowie 500 Energiepfähle liefern Energie für die Beheizung der Gebäude im Winter und für die Kühlung im Sommer.
Guisanplatz
Das Atrium mit gläsernem Dach lässt ein hohes Mass an Tageslicht in das Gebäude eindringen.
Guisanplatz
Die verschiedenen Anlagesysteme sind so vernetzt, dass Wärmequellen und Wärmesenken gegenseitig intelligent ausgenutzt werden können.
(Visited 192 times, 1 visits today)

Weitere Beiträge zum Thema

up to date mit dem
Architektur+Technik Newsletter
Erhalten Sie exklusive Trends und praxisnahe Innovationen mit Architektur+Technik –direkt in Ihr Postfach.
anmelden!
Sie können sich jederzeit abmelden!
close-link