Landschaftsarchitektur  – Die Sehnsucht nach Exotik

Der Hauptzweck eines Wintergartens bestand ursprünglich, wie der Name suggeriert, in der Aufnahme von Pflanzen, die er entweder temporär oder permanent vor ungünstigen Wetterverhältnissen schützen sollte.

Nicole Hartmann
Nicole Hartmann, Innenarchitektin FH/Landschaftsarchitektin MAS ETH, wissenschaftliche Mitarbeiterin Forschung Innenarchitektur, Hochschule Luzern – Technik & Architektur.
Verglaster Aussenwohnraum

Der Hauptzweck eines Wintergartens bestand ursprünglich, wie der Name suggeriert, in der Aufnahme von Pflanzen, die er entweder temporär oder permanent vor ungünstigen Wetterverhältnissen schützen sollte. Heute ist der Wintergarten ein Überbleibsel einer nostalgischen Architekturtypologie, gefüllt mit der Sehnsucht nach ein bisschen Exotik. Die Pflanzen werden durch Sofas, Sessel, Tische und Stühle verdrängt. Mit seinem Ursprung hat der Wintergarten nicht mehr viel gemein, er ist – treffender formuliert – ein verglaster Wohnraum. Mit Bodenheizung und Plattenbelag nimmt er in seinen räumlichen Qualitäten weder Bezug auf den Aussenraum noch stellt er einen attraktiven Wohnraum dar. Hat aber die Typologie des Wintergartens das Potenzial, sich losgelöst von romantischem Gedankengut zu einem räumlich attraktiven Ort zwischen Innen und Aussen weiterzuentwickeln?

Der Wintergarten im Wandel

In seiner ursprünglichen Form war der Wintergarten ein zweckgebundener Bau. Die botanischen Expeditionen und der daraus resultierende Handel mit exotischen Gewächsen blühten im 19. Jahrhundert. Um diese Pflanzen kultivieren zu können, musste eine frostfreie Überwinterung ermöglicht werden. Daraus entwickelte sich die Typologie des Pflanzenhauses wie die Orangerie, das Gewächshaus und eben der Wintergarten. Letzterer etablierte sich losgelöst vom Schlossgartenkomplex. Durch eine allseitige Verglasung sollen die Pflanzen visuell mit der realen Natur ausserhalb des Wintergartens verschmelzen. Die scheinbare Auflösung von Aussen und Innen bot den Besuchenden ein völlig neues Raumgefühl. Speziell in England entstanden in dieser Zeit zahlreiche private Wintergärten, die nur für die Wohlhabenden erschwinglich waren. Heute ist der Wintergarten auch bei kleinen Einfamilienhäusern verbreitet. Insbesondere die englische Tradition des Afternoon Teas findet dort eine gemütliche Behausung in tropischem Klima, während sich das Wetter draussen grau und regnerisch gibt.

Die Typologie des Wintergartens findet in den letzten Jahren im Geschosswohnungsbau eine neue Bedeutung. Er ist nun nicht mehr ein ebenerdiges Bindeglied zwischen Haus und Garten, sondern wird in einem Hochhaus zum eigentlichen Gartenraum. Hier geht es nicht mehr um die Imitation eines südländischen Klimas, sondern um die Erweiterung des Raums durch einen eigenen Gartenraum inmitten der Stadt. Ein Vorzeigebeispiel dafür ist die Transformation eines Sozialwohnbaus an der Peripherie von Paris. Die Architekten Lacaton & Vassal ersetzten 2011 die bestehende Lochfassade des Plattenbaus mit einem davorgesetzten gestaffelten System von Verglasung und Verschattung. Gläserne Türen bilden den Raumabschluss an der Stelle der ursprünglichen Fassade, davor steht ein zwei Meter breiter Wintergarten, gefolgt von einem schmalen Balkon. Wintergarten und Balkon sind durch schiebbare Sonnenschutzpaneele voneinander getrennt. Thermische Vorhänge zwischen Wohnraum und Wintergarten sorgen für eine angenehme Raumtemperatur. Jede der rund 100 Wohnungen wird so von innen heraus erweitert.

Die ergänzende Hülle schafft nicht nur ein erweitertes Raumangebot, das speziell bei kleinen Wohnungstypen die Lebensqualität erhöht, sondern sie übernimmt losgelöst vom Boden die Funktion eines Gartens. Der zusätzliche Wohnraum bietet ein fliessendes Raumgefühl für eine flexible Nutzung zwischen Innen und Aussen. Das Beispiel zeigt, dass der Wintergarten im Geschosswohnungsbau ein noch wenig genutztes, aber attraktives Potenzial für mehr natürliches Licht, mehr Bewegungsfreiheit und mehr Aussicht bereithält.

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