Weiterbauen als Haltung

Das Generationenhaus Zink in Thun zeigt dank 1899 Architekten, wie respektvolles Weiterbauen zu einer architektonischen und energetischen Transformation führen kann.

Aus dem Einfamilienhaus entstand ein vielschichtiges Mehrgenerationenhaus. Bilder: Sqwer

Ausgangspunkt für die Transformation war ein Baumeisterhaus von 1952/75, teilweise verschachtelt, in die Jahre gekommen und offiziell bereits als Abbruchobjekt eingestuft. Anstatt neu zu bauen, wurde das Haus umfassend saniert, ergänzt und aufgestockt – mit dem erklärten Ziel, das «schönstmögliche Solardach» zu realisieren und damit den Umbau zu krönen.

Aus dem Einfamilienhaus entstand ein vielschichtiges Mehrgenerationenhaus: mit Maisonnette- und Dachwohnung, einem schaltbaren Gästezimmer, das sich entkoppeln und zum Studio ausbauen lässt, sowie Atelier- und Werkstatträumen. Die bestehende Struktur wurde neu entdeckt, aufgewertet und zu einem komplexen Raumgefüge weiterentwickelt. Das Ergebnis verbindet unterschiedliche Wohnmodelle unter einem Dach – von Paaren bis zu Familien, von Arbeiten bis Wohnen – und nutzt die vorhandene Substanz konsequent als Ressource.

Angesichts des dispersen Quartierbilds blieb der unaufgeregte Ausdruck des ursprünglichen Baumeisterhauses erhalten. Auch beim Dach: Das Vordach wurde schlank gehalten, die gesamte Dachfläche so ausgebildet, dass sie ihrer prominenten Lage am Ende der Sichtachse Längmatt gerecht wird. Die neuen Dachaufbauten fügen sich präzise ins Raster der Photovoltaik. Bis auf ganz wenige Kleinziegel sind alle Flächen aktiv – selbst zwischen den Dachfenstern wird Strom produziert. Die Leitungen für Entlüftungen und Abluft wurden unsichtbar bis zum First geführt. Die optimierte Fläche überkompensiert den etwas geringeren Wirkungsgrad der Freesuns-Heritage-Module, die eine perfekte Integration in das Dachbild ermöglichen.

Die neuen Dachaufbauten fügen sich präzise ins Raster der Photovoltaik.

Prinzip der Sorgfalt

Die Verbindung von Ästhetik und Effizienz verlangte eine minutiöse Planung. Damit die Dachaufbauten – Dachflächenfenster im Osten, Schleppgaube im Westen – ohne Beistösse, Ausgleichsbleche oder Kompromisse auskommen, musste die gesamte Dachkonstruktion präzise auf die Formate der Solarziegel abgestimmt werden. Gerade im Bestand war dies eine besondere Herausforderung, die nur durch enge Abstimmung aller Beteiligten zu bewältigen war. Innen und aussen zeigt sich dasselbe Prinzip der Sorgfalt. Die Räume wurden geöffnet, zu Sequenzen verbunden und zugleich durch gezielte Setzungen akzentuiert. Roh belassene Betonoberflächen, sägerauer Putz, lasierte Holzverkleidungen und präzise gefügte Treppen bilden eine ehrliche Palette. Vom introvertierten Erschliessungsraum bis zu den lichten Dachgeschossen mit weiter Sicht zu den Alpen entsteht eine Abfolge von Atmosphären, die das Bestehende ernst nimmt und zugleich in eine neue Zeit übersetzt.

So wurde aus einem Abbruchobjekt ein Haus mit Zukunft: ein Generationenhaus, das den Bestand würdigt, Raum für neue Lebensformen bietet und mit seiner Solaranlage ein Signal setzt, wie Energieproduktion und Architektur zu einem selbstverständlichen Ganzen werden können. Nachhaltigkeit zeigt sich hier nicht als technologische Geste, sondern als integraler Bestandteil eines präzise weitergebauten Hauses. ●

Vom Erschliessungsraum bis zu den Dachgeschossen mit weiter Sicht zu den Alpen entsteht eine Abfolge von Atmosphären, die das Bestehende ernst nimmt.
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