Wohnen aus der Struktur heraus

Zwischen Gleisen, Gewerbehöfen und stillgelegten Lagerflächen hat Buol Zünd ein unscheinbares Nachkriegsgebäude in ein vielschichtiges Wohnhaus verwandelt. Die Transformation erzählt die Geschichte eines industriellen Bestands, der in eine neue räumliche Sprache überführt wird.

Die Fassaden sind saniert, aber nicht geglättet und die Tragstruktur bleibt ablesbar. (Fotos: Gionata Buzzi)

Wer von der Basler Innenstadt nach Norden fährt, merkt irgendwann, wie die Stadt ihre Tonlage wechselt. Die Fassaden werden einfacher, die Strassen breiter, zwischen den Häusern tauchen Zäune, Werkhöfe, Gleise und Speicher auf. Zwischen Klybeck und Kleinhüningen hat Basel jahrzehntelang Industriegeschichte geschrieben. Wo früher Schwemmland und Weideflächen lagen, entstanden Hafenanlagen, Fabriken, Lagerhallen. Aus der offenen Landschaft wurde ein dichtes Arbeiter- und Industriequartier. Zugleich kündigt sich seit Jahren ein tiefgreifender Wandel an: Auf ehemaligen Werksarealen sollen neue Wohn- und Arbeitsquartiere entstehen.

Die Isteinerstrasse liegt mitten in dieser Übergangszone: ein Hinterhof, ein Parkplatz, vereinzelte Gewerbebauten. Und dann steht dort ein langgestreckter, mintgrün gefasster Baukörper mit durchlaufenden Fensterbändern und einem leicht hervortretenden Mittelrisalit – das frühere Lagerhaus und heutige Wohnhaus. Der Bau zeigt seine Herkunft offen. Die Fassaden sind saniert, aber nicht geglättet; die Tragstruktur bleibt ablesbar, der Vorplatz – ein betonierter Streifen – musste unverändert bleiben. Was früher Anlieferungsfläche war, ist heute gemeinsamer Aussenraum.

Weniger verändern, mehr verstehen

Zu Beginn des Projekts stand die Überlegung, stark in den Bestand einzugreifen. Doch die Analyse zeigte: Vieles funktionierte weiterhin. Fenster aus den 1990er-Jahren, Wärmedämmung, Erschliessung und Treppenhaus – alles war intakt. Buol Zünd entschieden sich deshalb für eine Haltung des Weiterbauens: möglichst wenig ersetzen, möglichst viel präzisieren. Anstelle einer radikalen Erneuerung entstand eine Transformation, die die vorhandene Architektur ernst nimmt und neue räumliche Qualitäten aus ihr heraus entwickelt.

Im Erdgeschoss wurden die früheren Garagen in Studios umgewandelt, die sich heute direkt auf den Hof öffnen. Im ersten Obergeschoss folgen 2,5-Zimmer-Wohnungen mit Balkonen auf dem bestehenden Vordach. Ganz oben liegen grössere 3,5-Zimmer-Wohnungen. Alle Einheiten sind einseitig zur Südfassade orientiert – eine Eigenschaft des Bestands, die architektonisch produktiv gemacht wurde.

Stütze als Zentrum

Im Inneren prägen drei Meter Raumhöhe und die pilzförmigen Stützen das räumliche Erleben. Diese Stützen stehen je nach Wohnung an unterschiedlichen Stellen: einmal im Eingang, ein anderes Mal in der Küche. Die geschwungenen Innenwände beziehen sich auf sie, fassen Räume, lenken Blicke und führen das Licht weit in die Tiefe. Entlang des Fensterbands verläuft ein schlanker Raumstreifen, der Nischen, Türen und Übergänge aufnimmt und die Wohnräume stärker zur Fassade ausrichtet. Offene Türen verschwinden in Wandtaschen – ein Detail, das die räumliche Kontinuität stärkt.

Die Abfolge von Rundungen schafft eine räumliche Weichheit.
Die Wohnungen wirken ruhig und präzise formuliert, doch der industrielle Ursprung bleibt spürbar.

Die bestehenden Erschliessungsstrukturen blieben erhalten. Wer das Treppenhaus im Risalit verlässt, gelangt zuerst in kleine, halbrunde Vorräume – Zwischenzonen zwischen öffentlichem Gang und privatem Wohnen. Innen spiegeln konkave Wände diese Geometrie. Die Abfolge von Rundungen schafft eine räumliche Weichheit, die dem nüchternen Bestand eine neue Atmosphäre gibt.

Herkunft weitertragen

Da im Hof keine privaten Aussenräume zugelassen waren, wanderten sie auf das Dach. Dort entstanden kleine Gärten, die den Wohnungen zugeordnet sind. Von dort oben öffnet sich ein Blick über Hinterhöfe, Dächer, Gleisfelder – ein neues Panorama über einem alten Kontext. Die Wohnungen wirken ruhig und präzise formuliert, doch der industrielle Ursprung bleibt spürbar: in den Stützen, in den Linien der alten Fassade, im Verhältnis von Tragwerk und neuen Wänden. Die Transformation bricht nicht mit dem Bestand – sie setzt auf seine Qualitäten und führt sie weiter. Das Projekt zeigt, wie ein Haus seine Geschichte nicht abstreifen muss, um eine neue Rolle einzunehmen: Ein Lagerhaus, das zu einem Wohnhaus wird, und dabei beides bleibt. ●

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