«Die Komplexität des Bau- und Planungsprozesses ist oftmals nur noch schwer beherrschbar»
Im Interview gibt Sebastian El Khouli von BGP Architekten ein Resümee zu einem ereignisreichen Jahr 2025 in der Bau- und Planungsbranche.

Sebastian El Khouli, 53 Jahre, ist Dipl.-Ing. Architekt TU SIA sowie Energieberater und Eco-bau-Fachpartner. Er ist seit 17 Jahren bei BGP Architekten tätig, wo er als Partner und Mitglied der Geschäftsleitung die Bereiche Nachhaltigkeit und Bauen im Bestand leitet – zwei Themen, die seine Arbeit und Haltung als Architekt bereits seit vielen Jahren prägen.

Was sind Ihre architektonischen Highlights des vergangenen Jahres?
Aussergewöhnliche Architektur entsteht meiner Erfahrung nach immer aus einem von Vertrauen und Wertschätzung geprägten Miteinander von Auftraggebenden, Nutzenden und dem Planungsteam. In diesem Umfeld können mutige Entscheidungen getroffen werden, die das Potenzial von Architektur und gebautem Raum als Katalysator für gesellschaftliche Entwicklungen nutzen.
Drei Projekte aus dem Jahr 2025, welche die Prägnanz sowie die Qualität dafür haben, sind aus meiner Sicht das LysP8 in Basel von Loeliger Strub für die Stiftung Habitat, das selbstverwaltete Studierendenwohnheim in Heidelberg von DGJ Architektur für das Collegium Academicum und das Kinderspital in Zürich von Herzog & de Meuron.
Welche persönlichen beruflichen Highlights gab es?
Wir haben 2025 die Sanierung des in den 60er Jahren gebauten HPT-Gebäudes von A.H. Steiner auf dem ETH Campus Hönggerberg abschliessen dürfen. Zudem konnten wir die Planung und Realisierung für zwei weitere schützenswerte Bauten aufnehmen: die Kantonsschule Zürich Nord von Tobias Gersbach, Max P. Kollbrunner sowie Cedric Guhl aus den 70er-Jahren und ein Gebäude von O. R. Salvisberg.
Die vertiefte Auseinandersetzung mit architektonisch herausragenden Werken aus verschiedenen Epochen des 20. Jahrhunderts ist für uns ein reichhaltiger Studienfundus. Dieser hält uns immer wieder vor Augen, dass viele der zentralen Prinzipien nachhaltiger Architektur – kontextueller Städtebau, Weiterbauen im Bestand, flexible Strukturen, Dauerhaftigkeit der gewählten Materialien und Fügungen sowie Sorgfalt in der Detaillierung – in den prägenden Bauten fast aller Epochen eine grosse Bedeutung hatten und nicht in Widerspruch zu einer hohen Baukultur stehen.
Gab es Enttäuschungen und worauf blicken Sie wehmütig zurück?
Eine grosse Enttäuschung war, dass die Initiative des Stadtlabors Baden zum Erhalt und Weiternutzung des bestehenden Spitalbaus aus den 70er-Jahren nicht erfolgreich war. Der geplante «Abriss auf Vorrat», damit an gleicher Stelle in 50 Jahren ein neues Spital gebaut werden kann, entspringt einer Geisteshaltung, von der ich hoffte, dass wir sie bereits überwunden hätten.
Damit wurde das Potential für eine Weiternutzung eines kaum 50 Jahre alten Gebäudes – dessen Gebrauchstauglichkeit für Wohn-, Gewerbe- und Dienstleistungszwecke in einer Machbarkeitsstudie und in studentischen Diplomarbeiten der Hochschule Luzern (HSLU) aufgezeigt wurde – leichtfertig verschenkt.
Wodurch hat sich die Bau- und Planungstätigkeit in der Schweiz im vergangenen Jahr am stärksten hervorgetan?
In den letzten Jahrzehnten sind die Anforderungen an unsere Gebäude und das Bauen stetig gestiegen. Die Komplexität des Bau- und Planungsprozesses hat dadurch massiv zugenommen und ist oftmals nur noch schwer beherrschbar. Unsere bisherige Antwort darauf war bisher zumeist die Erhöhung der Komplexität durch die Schaffung zahlreicher weiterer Fachstellen, Fachleute und Beratenden.
Im letzten Jahr hat der Begriff des «Einfachen Bauens» zunehmend auch in der Schweiz an Relevanz gewonnen. Der 2022 von der Bayrischen Architektenkammer entwickelte Planungsansatz «Gebäudetyp E» hat 2025 viele Diskussionen geprägt. Im Februar fand dazu im Architektur Forum Zürich eine spannende Veranstaltung unter dem Titel «Gebäudetyp – einfach besser bauen» statt. Dieser Ansatz eröffnet uns neue Möglichkeiten, Bauten durch innovative und auf die spezifischen Rahmenbedingungen zugeschnittene Konzepte ressourcenschonend und kostengünstig zu gestalten, indem von nicht zwingend notwendigen Normen abgewichen werden kann.
Welche politischen Entscheidungen hatten für die Baubranche in der Schweiz die stärkste Relevanz?
In 2025 hat sich gezeigt, dass – vor dem Hintergrund der rasanten geopolitischen Veränderung – das Thema der planetaren Grenzen und des Klimaschutzes von anderen globalen Themen wie Sicherheitspolitik und Migration in den Hintergrund gedrängt wird und wir uns als Gesellschaft zusehends davon verabschieden, den in den letzten Jahren eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen. Nahezu alle klimaschutzrelevanten Abstimmungen in der Schweiz und im Kanton Zürich wurden – teilweise sehr deutlich – abgelehnt. Klimagerechtes Bauen war in den letzten Jahren auf dem Weg dazu «Common Sense» zu werden und droht jetzt, sich wieder zu einem Thema unter vielen zu entwickeln, dass nur dann Relevanz bekommt, wenn es den kurzfristigen wirtschaftlichen und politischen Interessen nicht widerspricht. Eine aus meiner Sicht besorgniserregende Entwicklung, die wir uns nicht leisten können.
Welche Erwartungen und Hoffnungen haben Sie für das Jahr 2026?
Weltfrieden wäre schön – vermutlich zu viel verlangt für 2026. Aber zumindest eine spürbare Entspannung der geopolitischen Lage wäre bereits ein Gewinn, denn ohne Frieden fehlt der gesellschaftliche und wirtschaftliche Spielraum für nachhaltige Entwicklung. Konkret für das Bauwesen erhoffe ich mir, dass einfaches Bauen weiter an Bedeutung gewinnt und sich zunehmend in Projekten niederschlägt. Dass Auftraggebende, Planende und Behörden gemeinsam den Mut finden, Anforderungen und Standards kritisch zu hinterfragen – und dort zu vereinfachen, wo Komplexität keinen Mehrwert schafft. Der Drang, alles bis ins Letzte zu optimieren, ist aus meiner Sicht an seine Grenzen gekommen. Weniger ist mehr – dieser Grundsatz sollte 2026 zur gelebten Praxis werden: Suffizienz statt Überfluss, einfache Strukturen statt maximaler Komplexität, resiliente Konzepte mit hoher Flexibilität statt starren Strukturen – mit weniger Aufwand, weniger Ressourcenverbrauch und mehr architektonische Qualität. ●
Vielen Dank für das Gespräch.
