Zwischen Korn und Kultur
Mitten im alten Zentrum von Dietikon hat die mächtige Zehntenscheune eine zweite Bestimmung gefunden. Buol & Zünd Architekten transformierten den jahrhundertealten Holzbau in einen Ort der Öffentlichkeit – mit einem Eingriff, der nicht verändert, sondern freilegt. Aus der ehemaligen Wirtschaftsscheune wurde ein Kulturhaus, das behutsames Weiterbauen demonstriert.

Wenn man sich dem Kronenplatz in Dietikon nähert, spürt man sofort: Hier verdichten sich Geschichte und Gegenwart. Zwischen der Taverne «Zur Krone», Wohnhäusern und dem mächtigen Scheunenkörper öffnet sich ein kleiner Platz – unspektakulär, aber voller Atmosphäre. Das Ensemble liegt im Herzen des alten Dorfes, dort, wo das Limmattal seine Weite verliert und die Stadt sich verdichtet.
Dietikon, heute Regionalzentrum und fünftgrösste Stadt des Kantons Zürich, lebt von dieser Ambivalenz: zwischen Fluss und Bahnlinie, zwischen urbaner Bewegung und den Spuren der bäuerlichen Vergangenheit. Die Zehntenscheune steht inmitten dieses Geflechts als stiller Zeuge – und seit ihrer Umnutzung wieder als lebendiger Teil der Stadt. Auch der Boden selbst erzählt Geschichte: Bei den Bauarbeiten stiess die Kantonsarchäologie Zürich auf Spuren einer grossen Vorgängerscheune aus dem Spätmittelalter – auf Lehmböden, Sockelmauern und Münzen, vielleicht einst als Bauopfer deponiert – als symbolische Gabe zum Schutz des Hauses. Selbst römische Ziegel kamen zum Vorschein. Die Zehntenscheune steht buchstäblich auf Schichten von Zeit.

Transformation mit Mass
Der Baukörper blieb in seiner Einfachheit unverändert: ein langes Volumen unter mächtigem Satteldach, geprägt von Holz, Stein und handwerklicher Logik. Das grosse Tenntor, das vis-à-vis der Taverne liegt, markiert nach wie vor den Hauptzugang. Das in den 1970er-Jahren eingefügte Garagentor wurde entfernt und durch ein neues, sorgfältig proportioniertes Holzelement ersetzt, das Anlieferung und Zugang integriert – ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Hinter diesem Tor beginnt das neue Raumgefüge. Die Erschliessung liegt wie eine feine Schicht im Innern und lässt die ursprüngliche Raumhöhe des Tenns weiterhin erfahrbar. Der Raum atmet Weite und Ruhe zugleich.

Im Obergeschoss öffnet sich unter dem historischen Dachstuhl ein grosser Veranstaltungssaal für rund 120 Personen. Die alte Zimmermannskonstruktion bleibt sichtbar und prägt den Charakter des Raumes. Sie ist Struktur und Stimmung zugleich. Eine sanft geschwungene Holzwand gliedert den Saal und vermittelt zwischen Hauptraum und Erschliessung; gegenüber schafft eine Galerie eine Verbindung in den Dachraum. So bleibt die ursprüngliche Schichtung der Scheune lesbar – neu interpretiert und weiterhin erlebbar.

Die Sprache des Handwerks
Buol & Zünd arbeiten mit präziser Zurückhaltung. Ihre Eingriffe folgen der Logik des Bestandes, nicht einem formalen Willen. Die akustische Ausstattung erinnert in ihrer feinen Lattung an Ziegelstrukturen, die innere Fassadenschicht trennt Saal und Galerie wie eine hauchdünne Kulisse. Im Erdgeschoss wird die geschichtete Ordnung des ehemaligen Stalls aufgenommen und durch dienende Räume ergänzt: Foyer, Bar, Garderoben, Technik.
Neue Bauteile wurden handwerklich gefertigt und bewusst sichtbar belassen – etwa die Zangen im Dachwerk oder die Verstärkungen in den Bohlenwänden. Sie sprechen von der Reparatur, nicht von der Verkleidung. Mit der Zeit werden sie Patina ansetzen und sich ins Ganze einfügen, ohne ihre Gegenwart zu verleugnen.

Ein Haus für die Bevölkerung
Heute ist die Zehntenscheune wieder, was sie immer war: ein öffentlicher Ort, offen für Wandel. Vereine, Theatergruppen, Feste, Ausstellungen – das Haus ist Bühne und Hintergrund zugleich. Ein kulturelles Zentrum, das das historische Herz Dietikons neu belebt.
Die Eingriffe an der Zehntenscheune sind kein lauter Eingriff, sondern eine präzise Lesung. Sie machen sichtbar, was vorhanden war, und ergänzen, was fehlt. Die realisierte Architektur beobachtet, interpretiert, antwortet – ohne die Sprache des Hauses zu verändern.

In der Zehntenscheune wird spürbar, dass Weiterbauen nicht Erfinden bedeutet, sondern Verstehen: das Gewordene ernst nehmen, um das Kommende zu ermöglichen. So wird aus einer alten Scheune ein Ort von heutiger Gegenwart – fest verwurzelt in der Stadt und offen für das, was hier geschehen wird. ●


